Höre ich das Wort Wertschätzung im Zusammenhang mit Unternehmenskultur, muss ich in letzter Zeit vermehrt die Stirn runzeln. Unternehmensleitsätze wie „Unser Umgang miteinander ist geprägt von gegenseitiger Anerkennung, Wertschätzung, Offenheit und Toleranz“ liest man immer häufiger. Oder es kommt mir nur so vor, denn keine Frage: Wertschätzung ist mehr als angesagt. Das ist im Grunde auch großartig und genau richtig so. Ernüchternd ist nur, wenn man in manche Unternehmen schaut, den Arbeitsalltag genau betrachtet und den Umgang der Menschen miteinander beobachtet, dann findet man oft weder viel Wertschätzung oder Anerkennung noch Offenheit oder gar Toleranz. Man sieht sogar oft das Gegenteil von Wertschätzung wie Misstrauen oder Verurteilung. Was ist da los?

Ich bin sicher, dass es nicht daran liegt, dass die Menschen das mit der Wertschätzung nicht wollen. Viele wissen einfach nicht, wie und zum Teil auch gar nicht genau was sie unter Wertschätzung verstehen sollen. Auf die Frage, wie diese Unternehmensleitsätze genau gelebt und umgesetzt werden, erntet man daher überraschenderweise auch meist nur Schweigen oder eine Erklärung, warum für die Wertschätzung aufgrund der schwierigen, wirtschaftlichen Situation gerade wenig Zeit bleibt.

Wertschätzung ist eine Haltung, die zunächst bei jedem selbst anfängt. Wertschätzung und Anerkennung funktionieren also nicht als verpflichtendes Konzept, an das sich jeder im Unternehmen zu halten hat.

Hier finden Sie 3 Impulse, über die es Sinn macht nachzudenken, wenn es mit der Wertschätzung wirklich ernst gemeint ist:

 1. Kennen Sie sich selbst und schätzen Sie Ihren Wert

Es gibt eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass Wertschätzung anderen gegenüber überhaupt gelebt werden kann. Es ist die Fähigkeit, sich selbst wertzuschätzen und sich mit all seinen Facetten, seinen Stärken und Begrenzungen zu achten. Ein stabiler Selbstwert ist eine Grundbedingung, um andere so akzeptieren zu können, wie sie sind und somit eine wertschätzende Kultur um sich herum zu prägen.

Wird der eigene Wert nicht gesehen und gefühlt, wird es auch nicht gelingen, die Stärken und Bedürfnisse anderer wahr- und ernst zu nehmen. Aus einem Gefühl der Wertlosigkeit heraus ist dies nicht möglich, da wir dann entweder nur auf uns fixiert sind und unsere eigenen Bedürfnisse erfüllen oder mehr Wert fühlen wollen, indem wir andere entwerten, ihnen misstrauen oder sie verurteilen.

Wertschätzung fängt also in der Beziehung zu sich selbst an. Ist diese Beziehung nicht intakt, kann es mit einer wertschätzenden Kultur um sich herum nicht gelingen. Es geht zunächst darum, sich selbst wirklich zu kennen und die eigenen Stärken, Schwächen und Emotionen anzunehmen und damit umgehen zu können. Ein gesunder Selbstwert hat dann rein gar nichts mit den Extremen wie Narzissmus oder Selbstverachtung zu tun, sondern ist eine gesunde Wertschätzung der eigenen Persönlichkeit.

Ist die eigene Wertschätzung als Grundlage nicht erfüllt, wird kein echter wertschätzender Umgang mit anderen möglich. Wertschätzung wird dann zweckgebunden, weil man weiß, dass sich Lob, Anerkennung und Freundlichkeit auszahlen. Dies wird aber auf Dauer nicht funktionieren – auch dann nicht, wenn immer wieder Unternehmensleitsätze wiederholt werden oder es in Mitarbeitergesprächen eingefordert wird.

Wertschätzung bedeutet nicht einfach, etwas Nettes zu jemandem zu sagen oder zu loben. Das wirkt nicht echt, wenn dahinter noch größere Selbstzweifel und eigene Abwertungen versteckt sind.

Soll Wertschätzung wirklich gelebt werden, kommen wir um die Auseinandersetzung mit uns selbst nicht herum.

2. Sehen Sie den Wert Ihrer Mitarbeiter und Kollegen und interessieren Sie sich dafür

Die positive, wertschätzende Grundeinstellung fängt mit dem Interesse am Gegenüber an. Interesse für den anderen bedeutet hinsehen, wirklich zuhören und ernst nehmen. Das kann niemand, der mit sich selbst beschäftigt ist und ständig aufpassen muss, selbst gut dazustehen.

Eine wertschätzende Haltung drückt sich automatisch auch in der Kommunikation aus. Vor allen Dingen auch in der nonverbalen Kommunikation, da wir körpersprachlich meist nicht so viel verbergen können. Es entsteht ein Dialog, in dem der andere mit all seinen Stärken und Schwächen gesehen und respektiert wird. Es geht nicht darum, durch Wertschätzung ein Ziel zu erreichen, wie zum Beispiel durch Loben einen Motivationsschub auszulösen. Es geht darum, das Potenzial von Mitarbeitern und Kollegen zu erkennen, es zu nutzen, sie positiv zu bestärken und die Fehler und Schwächen nicht zu bekämpfen, sondern anzuerkennen. Das heißt Individualität anerkennen.

Den Wert eines Menschen anzuerkennen und ihm wertschätzend zu begegnen bedeutet nicht zwangsläufig, mit dessen Verhalten immer einverstanden zu sein. Dies sind zwei verschiedene Paar Schuhe, die häufig vertauscht werden und zu dem Missverständnis führen, dass Wertschätzung zwangsweise Lob bedeutet und man nicht sagen kann, was nicht gut läuft oder einen ärgert. Mit einer wertschätzenden Haltung kann man durchaus kritisieren, aber eben konstruktiv, da man den anderen in seinem Kern nicht abwertet oder verurteilt. Bestimmte Verhaltensweisen kann man jedoch durchaus für sich selbst ablehnen. Ihr Gegenüber wird diesen Unterschied spüren und nicht mit heftigen Gegenangriffen oder Rechtfertigungen reagieren.

3. Klären Sie, ob Ihre individuellen Werte mit den Unternehmenswerten übereinstimmen

Meinen wir es wirklich ernst mit der Wertschätzung, kann es bedeuten, größere und kleinere Entscheidungen treffen zu müssen. Zu einem wertschätzenden Umgang mit sich selbst gehört es auch, Nein zu sagen, wenn sich etwas nicht gut und richtig anfühlt und nicht zu den eigenen Werten passt.

Je sicherer wir uns mit uns selbst fühlen, desto ehrlicher können wir auch mit uns und unserer Umwelt sein. Und dies ist manchmal gar nicht so leicht, denn jeder Mensch wünscht sich Anerkennung und möchte in einer Gruppe dazugehören. Dies kann Konformitätsdruck erzeugen und dazu führen, dass wir etwas gegen unsere innere Überzeugung einfach (mit)leben.

Sie entscheiden für sich, wie Sie sich in einem Unternehmen positionieren, in dem alles auf Wertschätzung programmiert ist, es aber nicht gelebt wird und vielleicht auch nur wenige an der Auseinandersetzung mit sich selbst interessiert sind. Können Sie hier Impulse für Veränderung setzen? Oder begeben Sie sich in einen Kampf gegen Windmühlen?

 

Welche persönlichen Erfahrungen machen Sie mit dem Thema Wertschätzung in Ihrem Unternehmen? Ich freu mich auf Ihre Kommentare zu diesem Thema.

Ihre Nicola Gragert

 

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