Je unruhiger es im Außen ist, umso größer wird oft der Wunsch nach einer heilen Welt. Die Unruhe kann sowohl in großen, gesellschaftlichen Bereichen wahrgenommen werden als auch ganz direkt im privaten oder beruflichen Bereich.
Eine heile Welt – das ist der Wunsch nach einem Umfeld ohne größere Probleme. Man wünscht sich Sicherheit und Harmonie sowie Menschen um sich herum, die gut und freundlich sind. Das ist für die meisten Menschen sicher erst einmal nachvollziehbar und gleichzeitig taucht eine Stimme auf, die sagt, dass das nicht realistisch ist. Wie bei einem Film mit Happy End – schön und vielleicht auch ein bisschen kitschig, aber in jedem Fall wird es so in der Realität wahrscheinlich nie sein.
Warum ist es wichtig, sich in diesem Zusammenhang mit Naivität zu beschäftigen?
Weil es darauf ankommt, wir mit der Stimme umgehen, die uns sagt, dass eine heile Welt nicht realistisch ist – bzw., ob wir diese Stimme überhaupt hören.
Wenn wir die Stimme überhaupt nicht hören, sind wir wie Kinder. Nur Kinder werden im positiven Sinne als naiv bezeichnet, da sie oft mit großen Augen zuhören und erst einmal alles glauben, was man ihnen erzählt. Man könnte sagen, sie vertrauen! Redet man von einem naiven Erwachsenen, wird es eher negativ verstanden. Das ist jemand, der etwas nicht durchschaut und dem man einfach alles erzählen kann.
Muss ein Erwachsener nun einfach misstrauen, um nicht naiv zu sein? Diese Umkehr ist sicherlich nicht ganz richtig. Ein Erwachsener sollte vertrauen können, aber in erster Linie sich selbst! Und das ist – je turbulenter es im Außen wird – die größte Herausforderung. Je ungemütlicher Situationen werden, desto ohnmächtiger, kleiner oder machtloser kann man sich fühlen, da man merkt, dass die äußeren Umstände oft außerhalb der eigenen Kontrolle liegen.
Was sind Anzeichen für Naivität?
- Wenig Selbstvertrauen und blindes Vertrauen in andere. Wenn die Unsicherheit sich selbst zu vertrauen so groß ist, dass dem Wort der anderen mehr Vertrauen geschenkt wird, kann das naiv sein. Vor allen Dingen dann, wenn davon ausgegangen wird, dass es alle Menschen nur gut meinen und nur das Beste für einen wollen. Es wird in diesem Fall gar nicht in Betracht gezogen, dass es Menschen gibt, die nur einen Nutzen aus einer Beziehung ziehen wollen.
- Man nimmt alles was man hört für bare Münze und hinterfragt keine Informationen. Man stellt auch keine weiteren Fragen, um nicht als dumm wahrgenommen zu werden oder man vertraut den anderen einfach mehr als sich selbst. Entweder weil man sie im Vergleich zu sich selbst als schlauer einschätzt oder, weil sie sich vielleicht einfach nur besser darstellen können.
- Ein überhöhter Wunsch nach Anerkennung, Akzeptanz und Zugehörigkeit kann dazu führen, dass man als naiv wahrgenommen und ausgenutzt wird. Man macht viel für andere ohne je eine Gegenleistung zu sehen. Dies ist vielen sogar bewusst, aber es wird nichts daran geändert und nicht für sich selbst eingestanden.
Warum müssen wir uns mit unseren Ängsten beschäftigen, wenn wir Naivität ablegen wollen?
Je unruhiger und unsicherer die Welt für einen wird, umso größer darf das Selbstvertrauen sein. Sicherheit in unsicheren Zeiten finden wir nur in uns selbst! Das ist eine Chance und die größte Herausforderung zugleich, da wir innere Sicherheit nur erlangen, wenn wir uns mit unseren Ängsten auseinandersetzen. Als sicher und stabil betrachtete Gewohnheiten geraten ins Wanken und man merkt, dass man diese äußeren Veränderungen nicht kontrollieren kann. Das kann Ängste und Sorgen erzeugen, wenn z.B. der erlernte Beruf, den man meinte bis zum Renteneintritt auf die gleiche oder ähnliche Art und Weise ausüben zu können, nicht mehr gefragt ist.
Wie können wir innere Sicherheit aufbauen?
Zunächst müssen wir lernen mit Diskrepanzen in unseren Lebensbereichen umzugehen. Da ist auf der einen Seite der Wunsch nach einer heilen Welt, die sich gut anfühlt – und auf der anderen Seite der Alltag. Das Alltägliche fühlt sich nicht immer gut an – es gibt Konflikte bei der Arbeit, Existenzsorgen oder andere Schwierigkeiten.
Die raue Welt auszublenden und so zu tun als sei sie nicht da, ist naiv. Das Streben nach absoluter Kontrolle, ist eine Illusion. Ebenso die Annahme, dass unsere Bedürfnisse und Wünsche immer erfüllt werden können oder es etwas bringt, wenn wir uns über Ungerechtigkeiten richtig aufregen.
Wir brauchen:
- Die Wiederentdeckung unserer eigenen Wahrnehmungskraft und das Vertrauen in diese.
- Die Akzeptanz von Ängsten, damit sie ihre Macht über uns verlieren.
- Die Fähigkeit für uns einzustehen und uns nicht von der Anerkennung anderer abhängig zu machen.



